Kastration als Instrument
repressiver Politik

Aus Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung (Teil V, pp. 321, 94b)
siehe auch: H. Puvogel, Die leitenden Grundgedanken bei der Entmannung gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher. Juristische Dissertation, Universität Göttingen, Düsseldorf 1937.

Brief Dr. Rodenberg, SS-Sturmbannführer, z. Zt. im Reichssicherheitshauptamt, an RJM, Ministerialrat Rietzsch

Berlin, den 3. Oktober 1942

Sehr geehrter Herr Ministerialrat!

Für Ihr freundliches Schreiben vom 29. September möchte ich Ihnen bestens danken. Mir ist die allgemeine Anordnung des Führers hinsichtlich der Gesetzessperre für nicht unmittelbar mit dem Kriege zusammenhängende Fragen bekannt, ich könnte mir jedoch denken, dass für so wichtige Angelegenheiten wie die Bekämpfung der Homosexualität durchaus Ausnahmen angängig wären. Ihnen ist sicher bekannt, dass der Führer der Gefahr der Homosexualität und der Bekämpfung dieses Übels große Bedeutung beimisst. Ich darf nur an verschiedene interne Erlasse und Befehle erinnern. Auch die letzte Führerrede wieder stellte ja die Einstellung des Führers zu den gefährlichen Gewohnheitsverbrechern deutlich heraus. Der Krieg wird ja voraussichtlich doch noch einige Zeit dauern, und ich bin der Meinung, dass man die gesamte Frage doch noch während des Krieges lösen muss.

Es steht fest, dass die Entmannung auch homosexuelle Sittlichkeitsverbrecher erheblich beeinflusst. In den Sicherungsverwahrungsanstalten (Abteilungen in Irrenanstalten) sitzen eine ganze Reihe homosexueller Sittlichkeitsverbrecher. Ebenso in Konzentrationslagern. Diese Untergebrachten kosten dem Staat viel Geld und arbeiten nicht produktiv genug. Wenn sie kastriert werden, können sie in kürzerer Zeit entlassen werden, da sie keine Gefahr mehr für die Volksgemeinschaft bilden, und außerdem können sie nutzbringend im Leben wieder eingesetzt werden. Unter diesen Voraussetzungen glaube ich doch, dass es gerechtfertigt ist, sich noch im Kriege für eine Lösung der Angelegenheit zu bemühen. Ich bitte Sie, diese Gesichtspunkte doch prüfen zu wollen. Professor Mezger aus München teilte mir gestern mit, dass ihm mein Material sehr beachtenswert erschiene, und es ging aus seinen Ausführungen hervor, dass er die Frage ebenfalls bald gelöst sehen möchte. Er forderte mich auf, den Fragenkreis mündlich mit mir durchzusprechen und schnitt weiterhin die Frage an, wie und wo man die genaueren Grenzen ziehen könnte. Ebenso ging aus Äußerungen des Herrn Professor v. Neureiter-Straßburg der Wunsch hervor, dass diese bedeutsame Frage bald geregelt werden möchte. Wie ich persönlich durch Herrn Reichsminister Dr. Frick erfuhr, lässt er diesen Fragenkomplex von den zuständigen Herren seines Ministeriums ebenfalls prüfen. Ich selbst möchte versuchen, den Reichsführer-SS dafür zu gewinnen, dass auch er sich für eine baldige Lösung des Problems einsetzt. Äußerst erwünscht erschiene es, wenn nun einmal von juristischer Seite in einer Veröffentlichung zu der gesamten Angelegenheit Stellung genommen werden könnte. Wäre es Ihnen nicht möglich, einen Rechtswahrer hierzu zu bestimmen?

Mit den besten Empfehlungen und
Heil Hitler!

Ihr sehr ergebener

gez. Rodenberg

siehe auch: H. Puvogel, Die leitenden Grundgedanken bei der Entmannung gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher. Juristische Dissertation, Universität Göttingen, Düsseldorf 1937.

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Homosexualität in der NS-Zeit
Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung
von Günter Grau

Kurzbeschreibung (Rosa Winkel): Eine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit. Homosexuelle Frauen und Männer gehören bis heute zu den oft vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Über ihr Schicksal, ihre Verfolgung und ihren Alltag ist wenig bekannt. Günter Grau legt hier seine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung vor und einen Bericht von Claudia Schoppmann über die damalige Situation lesbischer Frauen.

glbt-ta / haGalil onLine 22-12-2003

 


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In 2003:

 


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