Homosexualität in der NS-Zeit:
Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung

Vorbemerkungen von Günter Grau

Mit den hier vorgelegten Dokumenten werden Quellen zur Anti-Homosexuellenpolitik im Nationalsozialismus publiziert. Die Sammlung führt zahlreiche, in zentralen wie regionalen Archiven verstreut liegende Schriften zusammen und gibt damit einen Überblick über einen in der Forschung bisher vernachlässigten und in der Öffentlichkeit wenig bekannten Teilbereich nationalsozialistischer Herrschaftspolitik.

Ediert wird kein geschlossener Bestand. Dafür gibt es verschiedene Gründe, von denen lediglich die zwei wichtigsten genannt seien. Ein geschlossener Aktenbestand, aus dem sich die repressive Behandlung dieser Personengruppe ablesen ließe, ist nicht überliefert. Akten aus dem Geheimen Staatspolizeiamt, hier insbesondere des 1934 eingerichteten Sonderdezernats zur Bearbeitung von homosexuellen Fällen, aber auch des 1936 gebildeten (zentralen) Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA) wurden entweder durch Kriegseinwirkungen zerstört oder von Angehörigen der SS und Polizei in den letzten Kriegswochen vernichtet. Erstmalig ausgewertet wurden Bestände in Archiven der ehemaligen DDR und damit Dokumente erschlossen, die bislang der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Lange Zeit bestand Unklarheit über den Verbleib der Akten jener Institution, die 1936 auf Geheimbefehl Himmlers als »Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung« beim RKPA eingerichtet worden war. Aufgrund desorientierender Auskünfte durch das ehemalige Staatsarchiv der DDR mußte angenommen werden, einschlägige Akten dieser Dienststelle würden zurückgehalten und (aus welchen Gründen auch immer) für eine Bearbeitung nicht freigegeben. Recherchen des Herausgebers in den Jahren 1985 bis 1999 erhärteten schon früher geäußerte Vermutungen, daß der Bestand als solcher nicht erhalten ist. Es ist wahrscheinlich, daß er bei Bombenangriffen auf das RKPA vernichtet wurde.

Die vorliegende Sammlung wertet Splitterbestände aus. Sie stammen aus dem Reichsjustizministerium, aus dem Bereich des Reichsführers-SS, der Heeressanitätsinspektion sowie aus den Beständen regionaler Staatsanwaltschaften, Gerichte und Kriminalpolizeiämter. In die Edition wurden Gesetzestexte, Erlasse, Befehle, Reden, Protokolle und Briefwechsel aufgenommen. Ihre Auswahl orientiert sich an der Bedeutung der einzelnen Texte für die im Nationalsozialismus betriebene Antihomosexuellenpolitik. Es wurden nur solche Texte ausgewählt, die repräsentativ für das repressive Vorgehen sind oder in signifikanter Weise spezifische Interessen einzelner nationalsozialistischer Führungseliten (wie etwa der SS, der Polizei, von Teilen der Jugend- und Wehrmachtsführung) ablesbar machen. Insgesamt dokumentiert die Sammlung den Prozeß der Homosexuellenverfolgung von der Vorbereitung über Maßnahmen zu ihrer Intensivierung bis zur Radikalisierung in den Kriegsjahren.

Über die Frage, warum gerade dieses Dokument aufgenommen wurde und jenes nicht, läßt sich sicher streiten. Für manchen Austausch ließen sich plausible Gründe vorbringen. Verzichtet wurde auf die Wiedergabe von Dokumenten im Zusammenhang mit dem sog. Röhm-Putsch 1934, den »Klosterprozessen« 1936 bis 1938 und der Affäre um den Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch 1938. Sie dienten überwiegend apologetischen Zwecken.

Im Hinblick auf die Auswahl sah sich der Herausgeber vor zwei Probleme gestellt. Bisherige Untersuchungen und Veröffentlichungen zur nationalsozialistischen Antihomosexuellenpolitik beschränkten sich - sofern sie überhaupt nach dem Schicksal schwuler Männer und lesbischer Frauen im »Dritten Reich« fragten - auf den Hinweis, daß Intimbeziehungen zwischen Frauen strafrechtlich nicht verfolgt wurden. Zweifellos unterschied sich dadurch die Lebenssituation lesbischer Frauen von der homosexueller Männer. Der Verzicht auf eine strafrechtliche Sanktion bedeutete jedoch nicht, daß lesbische Frauen, sofern sie als solche bekannt waren bzw. denunziert wurden, strafrechtlich nicht verfolgt wurden. Abgesehen davon, daß bis zum Beginn des Krieges eine diesbezügliche Erweiterung des Strafrechtsrahmens §175 StGB diskutiert wurde, gibt es Hinweise, daß lesbische Frauen bereits kurz nach der »Machtergreifung« in Konzentrationslager verschleppt wie auch ab 1936 am Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie Berlin entsprechenden Umerziehungsprogrammen unterworfen wurden.
Claudia Schoppmann hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, in einem gesonderten Beitrag Auswirkungen des von den faschistischen Machthabern propagierten Frauenbildes auf die soziale Situation lesbischer Frauen nachzuzeichnen. Die hartnäckige Leugnung der Existenzberechtigung lesbischer Liebe hatte allerdings zur Folge, daß sich in Archiven nur sehr wenige Dokumente finden, die Aufschluß über das Schicksal lesbischer Frauen in diesen Jahren geben - ein Umstand, der sich letztlich auch in diesem Band niederschlägt.

Das zweite Problem betraf die Anordnung der Texte. Naheliegend erschien zunächst eine chronologische Abfolge. Dem Interessenten würde sie einen unkomplizierten Zugriff ermöglichen. Ausschlaggebend dafür, daß die Auswahl schließlich thematischen Schwerpunkten zugeordnet wurde, war die Überlegung, Verästelungen im Vorgehen der Nationalsozialisten aufzuzeigen. Nicht verbunden ist damit der Anspruch auf Vollständigkeit. Die historische Forschung hat hier noch viele Leerstellen auszufüllen. Besonders schmerzlich spürbar werden sie beispielsweise bei der Rekonstruktion des Schicksals schwuler Männer und lesbischer Frauen in den faschistischen Konzentrationslagern. Dazu liegen bisher nur einige wenige Arbeiten vor. Für den Herausgeber war dies Anlaß, sich zu beschränken und lediglich Dokumente aus einem Lager, dem ehemaligen KZ Buchenwald, aufzunehmen.

Die aufgenommenen Dokumente wurden dem Original getreu wiedergegeben. Bei der Mehrheit handelt es sich bereits in den Archiven um Kopien, häufig angefertigt aus Anlaß der Übersendung an Dritte. Sätze blieben unverändert. Lediglich Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden heutigen Regeln angepasst. Wo Dokumente gekürzt wiedergegeben werden, findet sich der Vermerk »Auszug« in der Kopfzeile. In die Fußnoten wurden kommentierende Erläuterungen nur insoweit aufgenommen, als Personen identifiziert, Sachverhalte bestimmten Vorgängen zugeordnet werden mussten. Der Herausgeber dankt den Direktorinnen, Archivarinnen, Referentinnen und Sachbearbeiterinnen der von ihm besuchten Archive ganz herzlich für die gewährte Hilfe und Unterstützung bei den Recherchen, im besonderen im Bundesarchiv in Berlin, im Militärarchiv in Freiburg i. Br., im einstigen Zentralen Staatsarchiv der DDR, Potsdam, in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, im Institut für Zeitgeschichte, München, sowie im Document Center Berlin. Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin, Manfred Herzer vom Schwulen Museum Berlin, Dieter Schiefelbein von der Initiative Mahnmal Homosexuellenverfolgung Frankfurt am Main danke ich für manchen wertvollen Hinweis, Margitta Kressin für die mühevolle Abschrift der Dokumente.

Günter Grau

Grundzüge der NS-Politik gegen Homosexuelle:
Ziele, Methoden und Tätergruppen

Grau wendet sich auch einem bislang wenig beachteten Aspekt zu: der Mitwirkung von Ärzten an der den Nationalsozialisten vorschwebenden "Lösung der Homosexuellenfrage"...

Vorwort des Herausgebers:
Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung

Quellen zur Anti-Homosexuellenpolitik im Nationalsozialismus, Vorwort des Herausgebers...

"Suprema lex salus populi!"
Gemeinnutz vor Eigennutz!

Begründungen des NS-Staats zur Strafwürdigkeit der Homosexualität...

Schaltstelle Reichshauptstadt:
Reichszentrale zur Bekämpfung von Abtreibung und Homosexualität

Ein immer straffer arbeitender Informationsweg von der zentralen Verfolgungsbehörde bis zu den unteren Dienststellen erhöhte die Verhaftungszahlen von Homosexuellen gegen Ende der 30er Jahre...

Razzien, Verbote und Verhaftungen 1933 bis 1935:
Wie Hirschfelds Sexualwissenschaftliches Institut demoliert und zerstört wurde
Ein zuverlässiger Augen- und Ohrenzeuge, der, ohne selbst dem Institut anzugehören, die Vorgänge genau verfolgen konnte, hat über die ungeheuerliche Zerstörung dieser weltbekannten wissenschaftlichen Forschungs-, Lehr- und Heilstätte in Berlin ein Protokoll aufgenommen...

Lebenswerk zerstört:
Aus einem Brief des Verlegers A. Brand
Bei der Vernichtung der Schriften von Dr. Magnus Hirschfeld waren überwiegend antisemitische Tendenzen und Vorurteile entscheidend, die weniger den homosexuellen Vorkämpfer, als den homosexuellen Juden treffen wollten...

Der Rassegedanke:
Grundpfeiler der NS-Weltanschauung
»Ob das Volk für eine Ausscheidung des Minderwertigen durch Tötung bereits Verständnis aufzubringen vermag, mag dahingestellt bleiben, sicher aber begrüßt es heute zumindest die Ausrottung des Sittlichkeitsverbrechers und damit die Verhütung einer asozialen Nachkommenschaft. Der rassischen Aufartung aber hat das gesamte Recht zu dienen.«...

Nazis unter sich:
Kastration als Instrument repressiver Politik

Brief Dr. Rodenberg, SS-Sturmbannführer, z. Zt. im Reichssicherheitshauptamt, an RJM, Ministerialrat Rietzsch...

Totgeschlagen, totgeschwiegen:
Auch in Österreich ohne Entschädigung
Das österreichische Strafgesetzbuch von 1852 normierte in § 129 lit b bis 1972 die Verfolgung homosexueller Männer und – zum Unterschied zur reichsdeutschen Gesetzgebung – auch Frauen...

"Einsam war ich nie":
Schwule unter dem Hakenkreuz

Als '175er' wird Friedrich-Paul von Groszheim von den Nationalsozialisten verfolgt, landet zweimal im Gefängnis und schließlich im Konzentrationslager. 'Freiwillig' muss er in dieser Zeit eine Kastration an sich vornehmen lassen. Trotz aller Widrigkeiten leugnet er niemals seine Homosexualität und genießt die schwule Szene der Goldenen Zwanziger ebenso wie die nach 1969...

'Das sind Volksfeinde!'
Die Verfolgung von Homosexuellen an Rhein und Ruhr
Diskriminierung und Ausgrenzung von Homosexuellen sind keine spezifischen Erscheinungen des Nationalsozialismus. Die Maßnahmen gegen Homosexuelle erreichten im Dritten Reich aber eine zuvor nicht gekannte Verschärfung...

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Homosexualität in der NS-Zeit
von Günter Grau


Preis: EUR 12,90

Kurzbeschreibung (Rosa Winkel): Eine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit. Homosexuelle Frauen und Männer gehören bis heute zu den oft vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Über ihr Schicksal, ihre Verfolgung und ihren Alltag ist wenig bekannt. Günter Grau legt hier seine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung vor und einen Bericht von Claudia Schoppmann über die damalige Situation lesbischer Frauen.

glbt-ta / haGalil onLine 22-12-2003

 


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In 2003:

 


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