Aus dem Kapitel "Razzien, Verbote und Verhaftungen 1933 bis 1935" des Buchs Homosexualität in der NS-Zeit: Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung

... "bei der Vernichtung der Schriften von Dr. Magnus Hirschfeld waren überwiegend antisemitische Tendenzen und Vorurteile entscheidend, die weniger den homosexuellen Vorkämpfer, als den homosexuellen Juden treffen wollten"...

Brief des schwulen Verlegers Adolf Brand vom 29. November 1933
(Auszug)

Adolf Brand Verlag DER EIGENE

Berlin-Wilhelmshagen, am 29. November 1933 Bismarckstraße 7

Meine sehr verehrten Herren!

Als Ehrenmitglied Ihrer Gesellschaft fühle ich mich verpflichtet, Ihnen über die völlige Aussichtslosigkeit einer Fortsetzung meiner Lebensarbeit im neuen nationalsozialistischen Deutschland einen ausführlichen Bericht zu geben.

Ich setze hierbei voraus, daß Sie hinreichend darüber unterrichtet sind, daß die Reichskanzlerpartei schon lange vor der Machtergreifung sich in allerschärfster Form gegen alle Bestrebungen ausgesprochen hat, die die Straffreiheit der gleichgeschlechtlichen Liebe und ihre gesellschaftliche Gleichstellung neben der Frauenliebe zu ihrem Ziele hatten.

Damals - aus Anlaß der Beseitigung des § 175 durch den Strafrechtsausschuß des alten Reichstages - drohte die Reichskanzlerpartei im »Völkischen Beobachter«, dem Regierungsorgan des Reichskanzlers Adolf Hitler, alle Homosexuellen am Galgen aufzuhängen und alle Befürworter der Abschaffung des § 175 aus Deutschland auszuweisen, sobald Hitler zur Macht gekommen sei. Der betreffende Artikel war insbesondere gegen die Person des hochverdienten Strafrechtslehrers Prof. Dr. Kahl gerichtet, dem das erfreuliche Resultat im Strafrechtsausschuß des Reichstages zu verdanken war.

Sofort nach der Machtergreifung ging dann die Regierung des Reichskanzlers Adolf Hitler auch gleich mit allerlei strengen Maßnahmen zur Unterdrückung der homosexuellen Bewegung vor. In der Hauptsache waren diese Verfolgungen jedoch nur gegen die häßlichen Auswüchse der Bewegung gerichtet. Sie beschränkten sich damals noch auf die Schließung der Prostitutionsbetriebe, die der ganzen Bewegung in den Augen aller anständigen Menschen immer sehr geschadet haben, und auf die Entziehung der Konzessionen für solche Wirtshäuser, die aus der Verführung der männlichen Jugend ein einträgliches Geschäft zu machen wußten. Es waren polizeiliche Aktionen, die im Interesse der Reinlichkeit und im Interesse des Ansehens der Bewegung nur zu begrüßen waren. Daneben ging man mit Konfiskationen gegen Schriften und Bücher vor, die tatsächlich nur Schund und Schmutz gewesen sind, oder durch deren gewissenlose Sensationsmache die Bewegung ebenfalls nur in den übelsten Ruf gekommen ist. Ich erinnere hier nur an die schrecklich kitschige Schrift »Männer zu verkaufen!« von Friedrich Radszuweit, deren völlig geistloser Inhalt bloß eine plumpe Spekulation auf die allerblödeste Sinnlichkeit und literarische Anspruchslosigkeit des homosexuellen Pöbels war und durch die die ganze Bewegung bei allen Gebildeten völliger Mißachtung und Lächerlichkeit verfiel.

Schon einen wesentlich anderen Charakter hatten jedoch die Konfiskationen, die die Vernichtung der Schriften von Dr. Magnus Hirschfeld zum Ziele hatten. Denn hierbei waren nicht allein rein sachliche Motive ausschlaggebend, sondern überwiegend antisemitische Tendenzen und Vorurteile, die weniger den homosexuellen Vorkämpfer, als den homosexuellen Juden treffen wollten, und die dadurch die Aktion gegen Dr. Hirschfeld in das Märtyrerlicht des Mittelalters rückten. Sie wissen ja, daß ich Dr. Hirschfeld ebenfalls bekämpft habe. Aber nicht weil er Jude ist, sondern weil seine ganze pseudowissenschaftliche Tätigkeit, die es fertig bekam, die allgemein verbreitete bisexuelle Veranlagung viele Jahre lang wider besseres Wissen hartnäckig abzustreiten und dafür krampfhaft die gleichgeschlechtliche Neigung zu einem Spezifikum des sogenannten Urnings zu verfälschen, zu einer katastrophalen Gefahr für unsere gesamte Bewegung wurde.

Seiner falschen und lächerlichen Urningstheorie, die die männlichsten Männer der Weltgeschichte zu Halbweibern und Dienern degradierte, haben wir jetzt die empörten Kontra-Instinkte aller gesund und natürlich fühlenden Volksschichten zu verdanken. Und nicht zuletzt die jetzigen Verfolgungen seitens der Reichskanzlerpartei. - Elisar von Kupfer hat 1899 diese Gefahren als erster richtig vorausgesehen und im EIGENEN (der von Brand herausgegebenen Zeitschrift - G.G.) in seinem Artikel »Die ethisch-politische Bedeutung der Lieblingsminne« rechtzeitig öffentlich davor gewarnt. Unsere sehr berechtigte Opposition wurde aber von der gesamten Presse - nicht nur von der jüdischen - im Interesse Dr. Hirschfelds andauernd totgeschwiegen. Nun ist das Verhängnis in der Hitlerbewegung da, die unser mit so vielen Opfern erkämpftes Befreiungswerk wieder halsstarrig zu vernichten sucht. Folgerichtig aus der angeführten Drohung heraus - und aus Rücksicht auf die breite Masse. - Daß Dr. Hirschfeld auf dem Scheiterhaufen der deutschen Studentenschaft im Bilde mit seinen Werken zusammen verbrannt wurde, war die erste Verwirklichung dieser Drohung. -[...]

Am 3. Mai - also kurz vor der Scheiterhaufensache - kamen ganz unerwarteter Weise drei Kriminalbeamte aus Berlin mit ihrem Auto hier vorgefahren und konfiszierten mein Aktwerk »Deutsche Rasse«. Mehr als 2000 Aktstudien wurden von den Beamten mit Beschlag belegt und nach Berlin mitgenommen. [...]

Am 2. September und am 4. September fand die zweite und die dritte große Konfiskation in meinem Verlage statt. Das erste Mal - es war bereits Nacht geworden - wurden von der uniformierten Polizei rund 3000 Hefte vom letzten Jahrgang des EIGENEN abgeholt und das zweite Mal von der Kriminalpolizei auch etwa 3000 Exemplare des EROS. Es handelt sich in beiden Fällen um Hefte meiner Zeitschriften, die lange vor der Machtergreifung Hitlers erschienen sind und die die Polizei bei ihrem öffentlichen Verkaufe damals in keiner Weise beanstandet hat. Bei der vierten Konfiskation am 15. November beschlagnahmte die Kriminalpolizei meine wichtigsten und wertvollsten Bücher. Nämlich erstens den Novellenband »Armer Junge« - zweitens die Novelle »Wüstenträume« von Patrick Weston, die zuerst in England erschienen ist -und drittens die kleine filosofische Schrift »Die Liebe der Wenigen« von Ferdinand Knoll.

Bei der fünften Konfiskation am 24. November fielen der Polizei einige Remittenten von den bereits beschlagnahmten Heften des EIGENEN in die Hände, die von der Polizei am zweiten September übersehen worden sind.

Ich wurde durch diese 5 Konfiskationen vollständig ausgeplündert, habe nichts mehr zu verkaufen und bin nun geschäftlich ruiniert. Ich weiß auch nicht mehr, wovon ich mit meinen Angehörigen zusammen noch weiter leben soll. Denn meine ganze Lebensarbeit ist jetzt zugrunde gerichtet. Und die meisten meiner Anhänger haben nicht einmal den Mut, auch nur einen Brief an mich zu schreiben, und erst recht nicht, zur Unterstützung meiner Arbeit irgendeine Zahlung an mich zu leisten. Der Verlust, der durch die vielen Konfiskationen und Verbote für mich entstanden ist, beträgt rund 10000 Mark.

Aus dieser Lage ergibt sich die sehr einfache Tatsache, daß eine Fortsetzung meiner Arbeit und ein Weitererscheinen meiner Zeitschriften auf deutschem Boden nicht mehr möglich ist und daß die Weiterherausgabe meiner Zeitschrift DER EIGENE nur noch im Auslande geschehen kann, wo dafür die dazu notwendige Pressefreiheit und Rechtssicherheit besteht.

6. Mai 1933:
Hirschfelds Sexualwissenschaftliches Institut demoliert und zerstört

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Homosexualität in der NS-Zeit
Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung
von Günter Grau

Kurzbeschreibung (Rosa Winkel): Eine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit. Homosexuelle Frauen und Männer gehören bis heute zu den oft vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Über ihr Schicksal, ihre Verfolgung und ihren Alltag ist wenig bekannt. Günter Grau legt hier seine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung vor und einen Bericht von Claudia Schoppmann über die damalige Situation lesbischer Frauen.

glbt-ta / haGalil onLine 22-12-2003

 


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In 2003:

 


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