Adolf Brand Verlag DER EIGENE
Berlin-Wilhelmshagen, am 29. November 1933 Bismarckstraße 7
Meine sehr verehrten Herren!
Als Ehrenmitglied Ihrer Gesellschaft fühle ich mich verpflichtet,
Ihnen über die völlige Aussichtslosigkeit einer Fortsetzung meiner
Lebensarbeit im neuen nationalsozialistischen Deutschland einen
ausführlichen Bericht zu geben.
Ich setze hierbei voraus, daß Sie hinreichend darüber
unterrichtet sind, daß die Reichskanzlerpartei schon lange vor der
Machtergreifung sich in allerschärfster Form gegen alle Bestrebungen
ausgesprochen hat, die die Straffreiheit der gleichgeschlechtlichen
Liebe und ihre gesellschaftliche Gleichstellung neben der
Frauenliebe zu ihrem Ziele hatten.
Damals
- aus Anlaß der Beseitigung des § 175 durch den Strafrechtsausschuß
des alten Reichstages - drohte die Reichskanzlerpartei im
»Völkischen Beobachter«, dem Regierungsorgan des Reichskanzlers
Adolf Hitler, alle Homosexuellen am Galgen aufzuhängen und alle
Befürworter der Abschaffung des § 175 aus Deutschland auszuweisen,
sobald Hitler zur Macht gekommen sei. Der betreffende Artikel war
insbesondere gegen die Person des hochverdienten Strafrechtslehrers
Prof. Dr. Kahl gerichtet, dem das erfreuliche Resultat im
Strafrechtsausschuß des Reichstages zu verdanken war.
Sofort nach der Machtergreifung ging dann die Regierung des
Reichskanzlers Adolf Hitler auch gleich mit allerlei strengen
Maßnahmen zur Unterdrückung der homosexuellen Bewegung vor. In der
Hauptsache waren diese Verfolgungen jedoch nur gegen die häßlichen
Auswüchse der Bewegung gerichtet. Sie beschränkten sich damals noch
auf die Schließung der Prostitutionsbetriebe, die der ganzen
Bewegung in den Augen aller anständigen Menschen immer sehr
geschadet haben, und auf die Entziehung der Konzessionen für solche
Wirtshäuser, die aus der Verführung der männlichen Jugend ein
einträgliches Geschäft zu machen wußten. Es waren polizeiliche
Aktionen, die im Interesse der Reinlichkeit und im Interesse des
Ansehens der Bewegung nur zu begrüßen waren. Daneben ging man mit
Konfiskationen gegen Schriften und Bücher vor, die tatsächlich nur
Schund und Schmutz gewesen sind, oder durch deren gewissenlose
Sensationsmache die Bewegung ebenfalls nur in den übelsten Ruf
gekommen ist. Ich erinnere hier nur an die schrecklich kitschige
Schrift »Männer zu verkaufen!« von Friedrich Radszuweit, deren
völlig geistloser Inhalt bloß eine plumpe Spekulation auf die
allerblödeste Sinnlichkeit und literarische Anspruchslosigkeit des
homosexuellen Pöbels war und durch die die ganze Bewegung bei allen
Gebildeten völliger Mißachtung und Lächerlichkeit verfiel.
Schon einen wesentlich anderen Charakter hatten jedoch die
Konfiskationen, die die Vernichtung der Schriften von
Dr. Magnus
Hirschfeld zum Ziele hatten. Denn hierbei waren nicht allein rein
sachliche Motive ausschlaggebend, sondern überwiegend antisemitische
Tendenzen und Vorurteile, die weniger den homosexuellen Vorkämpfer,
als den homosexuellen Juden treffen wollten, und die dadurch die
Aktion gegen Dr. Hirschfeld in das Märtyrerlicht des Mittelalters
rückten. Sie wissen ja, daß ich Dr. Hirschfeld ebenfalls bekämpft
habe. Aber nicht weil er Jude ist, sondern weil seine ganze
pseudowissenschaftliche Tätigkeit, die es fertig bekam, die
allgemein verbreitete bisexuelle Veranlagung viele Jahre lang wider
besseres Wissen hartnäckig abzustreiten und dafür krampfhaft die
gleichgeschlechtliche Neigung zu einem Spezifikum des sogenannten
Urnings zu verfälschen, zu einer katastrophalen Gefahr für unsere
gesamte Bewegung wurde.
Seiner falschen und lächerlichen Urningstheorie, die die
männlichsten Männer der Weltgeschichte zu Halbweibern und Dienern
degradierte, haben wir jetzt die empörten Kontra-Instinkte aller
gesund und natürlich fühlenden Volksschichten zu verdanken. Und
nicht zuletzt die jetzigen Verfolgungen seitens der
Reichskanzlerpartei. - Elisar von Kupfer hat 1899 diese Gefahren als
erster richtig vorausgesehen und im EIGENEN (der von Brand
herausgegebenen Zeitschrift - G.G.) in seinem Artikel »Die
ethisch-politische Bedeutung der Lieblingsminne« rechtzeitig
öffentlich davor gewarnt. Unsere sehr berechtigte Opposition wurde
aber von der gesamten Presse - nicht nur von der jüdischen - im
Interesse Dr. Hirschfelds andauernd totgeschwiegen. Nun ist das
Verhängnis in der Hitlerbewegung da, die unser mit so vielen Opfern
erkämpftes Befreiungswerk wieder halsstarrig zu vernichten sucht.
Folgerichtig aus der angeführten Drohung heraus - und aus Rücksicht
auf die breite Masse. - Daß Dr. Hirschfeld auf dem Scheiterhaufen der
deutschen Studentenschaft im Bilde mit seinen Werken zusammen
verbrannt wurde, war die erste Verwirklichung dieser Drohung. -[...]
Am 3. Mai - also kurz vor der Scheiterhaufensache - kamen ganz
unerwarteter Weise drei Kriminalbeamte aus Berlin mit ihrem Auto
hier vorgefahren und konfiszierten mein Aktwerk »Deutsche Rasse«.
Mehr als 2000 Aktstudien wurden von den Beamten mit Beschlag belegt
und nach Berlin mitgenommen. [...]
Am 2. September und am 4. September fand die zweite und die
dritte große Konfiskation in meinem Verlage statt. Das erste Mal -
es war bereits Nacht geworden - wurden von der uniformierten Polizei
rund 3000 Hefte vom letzten Jahrgang des EIGENEN abgeholt und das
zweite Mal von der Kriminalpolizei auch etwa 3000 Exemplare des
EROS. Es handelt sich in beiden Fällen um Hefte meiner
Zeitschriften, die lange vor der Machtergreifung Hitlers erschienen
sind und die die Polizei bei ihrem öffentlichen Verkaufe damals in
keiner Weise beanstandet hat. Bei der vierten Konfiskation am 15.
November beschlagnahmte die Kriminalpolizei meine wichtigsten und
wertvollsten Bücher. Nämlich erstens den Novellenband »Armer Junge«
- zweitens die Novelle »Wüstenträume« von Patrick Weston, die zuerst
in England erschienen ist -und drittens die kleine filosofische
Schrift »Die Liebe der Wenigen« von Ferdinand Knoll.
Bei der fünften Konfiskation am 24. November fielen der Polizei
einige Remittenten von den bereits beschlagnahmten Heften des
EIGENEN in die Hände, die von der Polizei am zweiten September
übersehen worden sind.
Ich wurde durch diese 5 Konfiskationen vollständig ausgeplündert,
habe nichts mehr zu verkaufen und bin nun geschäftlich ruiniert. Ich
weiß auch nicht mehr, wovon ich mit meinen Angehörigen zusammen noch
weiter leben soll. Denn meine ganze Lebensarbeit ist jetzt zugrunde
gerichtet. Und die meisten meiner Anhänger haben nicht einmal den
Mut, auch nur einen Brief an mich zu schreiben, und erst recht
nicht, zur Unterstützung meiner Arbeit irgendeine Zahlung an mich zu
leisten. Der Verlust, der durch die vielen Konfiskationen und
Verbote für mich entstanden ist, beträgt rund 10000 Mark.
Aus dieser Lage ergibt sich die sehr einfache Tatsache, daß eine
Fortsetzung meiner Arbeit und ein Weitererscheinen meiner
Zeitschriften auf deutschem Boden nicht mehr möglich ist und daß die
Weiterherausgabe meiner Zeitschrift DER EIGENE nur noch im Auslande
geschehen kann, wo dafür die dazu notwendige Pressefreiheit und
Rechtssicherheit besteht.
6. Mai 1933:
Hirschfelds
Sexualwissenschaftliches Institut demoliert und zerstört
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Homosexualität in der NS-Zeit
Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung
von Günter Grau
Kurzbeschreibung (Rosa Winkel): Eine
umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur
Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit. Homosexuelle Frauen und
Männer gehören bis heute zu den oft vergessenen Opfern des
Nationalsozialismus. Über ihr Schicksal, ihre Verfolgung und
ihren Alltag ist wenig bekannt. Günter Grau legt hier seine
umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur
Homosexuellenverfolgung vor und einen Bericht von Claudia
Schoppmann über die damalige Situation lesbischer Frauen. |
glbt-ta / haGalil
onLine 22-12-2003