Tal Aisik wurde als Mädchen geboren. Vor Kurzem beendete er - nach unzählbaren Konfrontationen -  seine volle militärische Laufbahn von drei Jahren, der maximalen Dauer der Wehrpflicht für Männer, als Nahkampftrainer. Mit Hilfe von Hormonen ließ er sich einen kleinen Bart wachsen und sammelt nun Fördergelder für eine Operation zur Geschlechtsumwandlung.

Ein ganz spezieller Fall?
Die Chance zum Trans

Zum großen Erstaunen der Soldaten und Offiziere wurde im Juni 2003 neben der Flagge des Staates Israel die Regenbogenflagge gehisst. Ort des Geschehens: Eine Marinebasis in Elat. Anlass: Entlassungsparty von Tal Aizik.

Dies war nicht nur irgendeine weitere Entlassungsparty. Für Aizik symbolisierte sie einen weiteren Fortschritt und persönlichen Erfolg: Was als gewöhnlicher Wehrdienst für Frauen in der Dauer von einem Jahr und neun Monaten begann, endete in einer Qualifikation zum Nahkampftrainer nach drei Jahren, wie die Dauer des Wehrdienstes für Männer vorgeschrieben ist.

Bei der Rückgabe der Armeeausrüstung erblickte der gelangweilte Logistikoffizier die muskulöse Gestalt mit dem noch schwachen, wohlgeformten Bärtchen, ließ die Schuhe draußen – für den Reservedienst – und schickte Tal zum vorgesetzten Offizier, um ein Formular für den Reservedienst auszufüllen.

Es ist unklar, wer erstaunter war, die sachbearbeitenden Soldaten oder Aizik selbst, als sich das Formular ausschließlich in der femininen Form an Tal wandte. "Ich habe schwarz gesehen. Ich habe drei Jahre lang als Mann wie jeder andere Mann gedient. Ich dachte, dass man das berücksichtigen würde, aber offensichtlich hat niemand Verständnis dafür. Die gesamte Entlassungsurkunde wurde an eine feminine Person adressiert. Ich habe mich an den Offizier dort gewendet und sagte zu ihm: 'Was ist das bloß für eine Schande. Dieses Dokument wurde in der femininen Form geschrieben. Sehe ich für Sie denn wie eine Frau aus?'
Unsere Auseinandersetzung dauerte fünf Stunden. Sie sagten, es sei nichts daran zu ändern und es hänge mit der Registrierung im Innenministerium zusammen. Am Ende entzogen sie mir auch meinen Reservedienstausweis. Am schlimmsten war es zu hören, wie sie hinter meinem Rücken über mich sprechen. Als sie die Angelegenheit am Telefon mit den Vorgesetzten klären wollten, musste ich draußen warten, doch hörte ich alles, was sie über mich sagten. Wenn ich kein ausgeglichener Mensch gewesen wäre, hätte ich jemandem dort einen Stuhl über den Kopf gehauen: 'Was denkt sie, wer sie eigentlich ist?', lachten sie über mich hinter meinem Rücken. Ich betrat das Büro und sagte dem Offizier: 'Entschuldigung, wie reden sie denn über mich?', darauf antwortete er: 'Es steht nun einmal hier geschrieben, dass Sie eine Frau sind.' Und ich entgegnete ihm, er solle den Willen des Menschen achten, der vor ihm steht und mich als Mann ansprechen. Ich trat in dem Gefühl aus der Armee aus, dass man mir ein Messer in den Rücken gestoßen hat."

Tal wurde als zweite Tochter einer siebenköpfigen Familie in Elat geboren. Der Vater, ein Hotelangestellter, die Mutter, eine zur Religiosität zurückgekehrte Arbeitslose. Tals Kindheit und Jugend zeichnete sich wie in so vielen Fällen durch das Gefühl der Verwirrung und der Vereinsamung aus, was letztlich dazu führte, dass Tal von einer Erziehungsanstalt zur nächsten pilgerte, vom Wohnsitz in Elat zu Internaten in Zentral-Israel und wieder zurück nach Elat, selbstverständlich begleitet von psychologischer Behandlung. Ausgerechnet in der Armee, die nach langen bürokratischen Auseinandersetzungen zustimmte, Tal als Soldaten einzuziehen, begann seine Blütezeit.

Nach dem Basistraining für Frauen, das Tal mit Auszeichnung absolvierte, wurde er in eine Nahkampftrainer-Ausbildung im Wingate-Institut (Institut für Physiotherapie, Sportmedizin etc.) eingeteilt. Nach der Beendigung des Kurses kehrte Tal als Trainer in seine Armeebasis zurück und vollzog sein Coming Out. Männlicher Körperbau und Bürstenhaarschnitt waren bereits vorhanden; alles, was fehlte, war die Trainingskompetenz vom vorgesetzten Offizier und die Bitte an die Soldatinnen, sich an Aizik in der männlichen Umgangsform zu wenden.

In der Dokumentarserie, "Die Grünen", die das Basistraining der Frauen begleitete, wurde Aisik als der allseits bekannte und geachtete Nahkampftrainer der Basis präsentiert. Der Sendung, die im November 2001 ausgestrahlt worden ist, ging ein Interview mit Tal Aizik im Wochenendmagazin von "Yedioth Achronot", Israels größtem Massenblatt, voraus. Nach Aiziks Angaben wurde das Interview telefonisch in einer Konferenzschaltung mit einem Armeesprecher abgehalten. "Selbstverständlich wies man mich im Vorfeld von offizieller Armeeseite an, nicht über Geschlechtliches usw. Auskunft zu geben. Noch nicht einmal traf ich die Journalistin persönlich. Aber nichtsdestotrotz sprach ich in diesem Interview über Dinge, über die ich ziemlich lange nicht gesprochen habe. Ich erinnere mich, wie ich am Tag des Sendetermins für "die Grünen" zum Redaktionsgebäude von "Yedioth Achronot" gegangen bin und um eine Ausgabe der Zeitung mit meinem Interview gebeten habe. Man gab mir die Ausgabe in einem braunen Umschlag. Ich öffnete ihn und bekam einen Schock: Ich befand mich auf der Titelseite. Ich war fassungslos. Im Vorfeld hatte man mir versichert, die Reportage würde sich auf alle Personen beziehen, die in der Sendung vorkommen, und plötzlich muss ich sehen, dass sich fast die gesamte Reportage um meine Person dreht. Ich war entsetzt. Und daraufhin begann das ganze Chaos. Zahllose Telefonanrufe von Referenten sämtlicher Boulevard- und Talkshows im Fernsehen; ich wusste nicht mehr wie ich sie abschütteln konnte. Am Freitag derselben Woche im November 2001 fuhr ich nach Hause nach Elat. Zu Hause war alles aus den Fugen geraten. Meine Eltern waren außer sich. Ich zog zu Freunden und hörte nicht auf zu weinen. Ich war so durcheinander.

Als ich dann zur Militärbasis zurückkehrte, warteten bereits alle am Eingangstor mit den Zeitungen in der Hand und riefen 'Hier kommt Tal, der Celebrity'. Vor lauter Schande rannte ich ins Zimmer. Ich war überhaupt nicht in der Lage mit dieser Situation umzugehen."

Jetzt lebt Tal mit seinem Bruder, seiner Schwägerin und der Bulldogge, Mika, in einer kleinen Wohnung in Elat. Schon zwei Tage nach seiner Entlassung aus der Armee fand er Arbeit als Tankwart. In seinem Zimmer, das er sich mit seiner zweijährigen Nichte teilt, befinden sich auf den Regalen Alben, die sämtliche Briefe und Notizen der letzten Jahre enthalten und auch ein Aktendeckel, in den er einige seiner Gedichte verfasst hat. Er träumt davon diese eines Tages in einem Buch zu veröffentlichen.

Tal erzählt: "Manchmal lacht man über mich und sagt, dass ich der vollkommene Mann bin. Jede Frau träume von einem Mann, der Ordnung liebe, Wäsche waschen, sie zusammenlegen und v.a. kochen könne. Das sind keine weiblichen Eigenschaften, die bei mir noch übrig geblieben sind. Die meisten Menschen berücksichtigen nur nicht, dass die weltbesten Köche Männer sind."

Aiziks äußerliche Veränderung seit Ausstrahlung von "die Grünen" ist enorm. Dank der Einnahme von Hormonen ziert heute ein kleines, wohlgestaltetes Bärtchen sein Gesicht, seine Stimme wurde beträchtlich tiefer und er nahm um einige Kilogramme ab.

Teil 2 - Aktuelles Interview mit Tal Aisik:
"Ich bin schon immer ein Mann gewesen!"

 
Teil 3 - Gespräch mit Nora Grinberg von der Agudah:
Eine Frage der Identität

ta / haGalil onLine 28-12-2003

 


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In 2003:

 


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