Ist es denn ein Wunder?
Jüdisch und schwul und Israeli in Deutschland

Ein Interview mit Jossi Avni

Der erste Eindruck des Erzählstils in deinem ersten Buch, "Garten der Toten Bäume", ist ein sehr Melancholischer. Warum? Ist das dein Eindruck des Schwulseins in Israel?

Alle drei Bücher, die ich bisher herausgegeben habe, beschäftigen sich mit einem persönlichen Prozess in mir selbst. Melancholie und Humor sind ständige Bestandteile in meinen Geschichten, sozusagen Gewürze in einem Gericht, dessen Zutaten die Mutter, das Essen, die Sehnsucht nach Männerliebe und der deutsch-israelische Dialog sind.

Es gibt keine dramatischen Unterschiede, aber trotzdem bleibt die Bewegung vorwärts oder eine schrittweise Veränderung erhalten. "Der Garten der Toten Bäume" wurde Anfang der 90er geschrieben und 1995 veröffentlicht. Dieses Buch schildert meine Erfahrungen als junger Israeli in der Armee und kurz danach, im Tel Aviv Anfang der Neunziger Jahre, das sich sehr vom heutigen Tel Aviv unterscheidet. Damals war es – wie an vielen anderen Orten auf der Welt auch – schwierig, ein schwules Leben zu leben. Ich sah mich gezwungen, mich mit meiner Einsamkeit und meinem versteckten Dasein auseinander zu setzen. Außerdem lebte ich in einem sehr machoistischen Umfeld in der Armee. Ich wollte also nach der Armee alles hinter mir lassen und fliehen.
Deutschland war in diesem Zusammenhang für mich damals das genaue Gegenteil von Israel – in meiner damaligen, subjektiven Auffassung der Geschichte. – Natürlich bin ich jetzt nicht mehr dieser Meinung. – Deutschland ist für mich heute ein Land, das Israel sehr ähnlich ist, mit seinem westlich demokratischen Wertesystem; beide Völker gehören der gleichen Gattung der westlichen Völker an. Aber das war damals natürlich anders für mich als Kind einer vorwiegend orientalisch bevölkerten Wohngegend mit den herumgeisternden Holocausttraumata, die ein Teil von mir geworden sind, in gewisser Weise die kollektive Erziehung in Israel.

… Du meinst also, besonders bei der orientalischen Bevölkerung [die so gut wie nicht vom europäischen Holocaust betroffen waren] waren diese Traumata gegenwärtig?

… Ja, im Israel meiner Kindheit und Jugend in den 60ern und 70ern war der Holocaust ein gewichtiger Teil in der Persönlichkeitsstruktur eines jeden, nicht nur der Kinder, deren Eltern aus Europa kamen, sondern auch der Kinder, deren Eltern aus dem Iran, Yemen oder aus Marokko kamen. Ich denke das trifft auch auf das Israel von heute zu. Wir sehen uns alle direkt oder indirekt als Holocaustüberlebende. Das wirkt sich in jeder Lebenssituation auf uns aus.
Bei mir waren diese Gefühle besonders stark, aus Gründen, die ich nicht genau erklären kann. Ich weiß nicht wieso ich mich persönlich emotionell so sehr für das Thema Holocaust und überhaupt für Deutschland interessiert habe.

Es gibt viele Israelis, deren Auseinandersetzung mit dem Holocaust sich darin spiegelt, dass sie unter keinen Umständen nach Deutschland reisen wollen. Und sie interessieren sich nicht im Geringsten für Deutschland. Ich kam aus der selben emotionalen Einstellung, aber diese wirkte sich bei mir in der Praxis genau umgekehrt aus. Ausgerechnet wegen des Holocausts, von dem meine Familie nicht unmittelbar betroffen gewesen ist, wollte ich die Deutschen kennen lernen, unter ihnen leben, ihre Sprache lernen. Mein erster Auslandsaufenthalt in meinem Leben war in München, gleich nach der Armee.

…Kann man sagen, dass du dich ausgerechnet wegen deines Anders Seins als Schwuler so sehr von dem Tabu, Deutschland, angezogen gefühlt hast?

Interessante Frage. Ja, ich habe das Anders Sein bis zum Ende gelebt…, aber vergiss nicht, dass wir nicht über die 50er Jahre reden – damals war Deutschland Tabu für Israelis. Dieses Phänomen existiert heute nicht mehr. Heute sehen Israelis Deutschland als sehr freundlich gesinntes europäisches Land. Zwar befindet sich der Holocaust immer inhaltlich im Hintergrund, schwebt über dem deutsch-israelischen Dialog, aber das stört die guten Beziehungen nicht wesentlich. Im Gegenteil, diese gemeinsame inhaltliche Achse zementiert unsere Beziehungen.

Das heißt in den 90ern, als ich nach Deutschland gekommen bin, war ich schon keine Ausnahme mehr. Ich kam nach München, nach Berlin, nach Köln, sprach mit einheimischen Deutschen in den Zügen, lernte Deutsch im Goetheinstitut, ich bekam ein Stipendium vom DAAD, ich kam nach Schwäbisch Hall, lernte dort weitere 2 Monate Deutsch und fühlte, dass Deutschland ein wesentlicher Bestandteil von mir selbst wurde, metaphorisch gesprochen: Meine zweite Heimat. […] In gewisser Weise fühlte ich mich sehr wohl in der Rolle des jungen patriotischen Israeli aus einer orientalischen Familie, die dem "zweiten" Israel angehört, die ich auf deutschem Boden stolz und offen leben konnte.

Fünf Jahre habe ich bereits in Deutschland verbracht. Auf der einen Seite brachte mich diese Zeit dazu, die Deutschen sehr schätzen zu lernen, (ich fühlte mich an allen meinen Wohnorten zu Hause) ihre Genauigkeit, Korrektheit, Aufrichtigkeit und ihre besondere – manchmal theatralisch anmutende – Einstellung gegenüber Juden; ich fühlte eine gewisse gegenseitige Solidarität. Doch im Laufe meines Aufenthalts in Deutschland fühlte ich auch, dass ein Teil dieser lächelnden Gesichter gespielt ist.

Hattest du antisemitische Erfahrungen?

Ich wusste bis dahin nicht, dass so etwas existiert: Aber die gefährlichsten Antisemiten sind nicht unbedingt die Skinheads, die auf den Straßen Parolen brüllen, sondern die latenten Antisemiten in den Medien und Universitäten, die Holocaustleugner und diejenigen, die das heutige Israel unter die Lupe nehmen, um es zu diskreditieren und sogar mit dem Naziregime zu vergleichen. Ich weiß, dass der Antisemitismus in anderen Teilen Europas, wie Frankreich und Belgien mindestens ebenso ausgeprägt ist, doch hängt an diesen Ländern keine historische Erwartungshaltung.
Vergessen wir aber nicht, dass sich die Deutschen sehr mutig mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Das Holocaustdenkmal im modernen Stadtzentrum Berlins und die Lehren aus dem Holocaust und die Erziehung gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind zwei Beispiele dafür.

Fließen diese Erfahrungen in deine literarische Arbeit mit ein?

In gewisser Weise schon. Mein letztes Buch, "Tante Farhouma war keine Hure…", das noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, spielt sich zu einem ziemlich großen Teil in Deutschland ab. Die Handlung dreht sich um ein israelisches Paar, das in einer Großstadt lebt, die zu keiner Zeit namentlich erwähnt wird – übrigens wird Deutschland auch zu keinem Zeitpunkt namentlich erwähnt, das alles erschließt sich dem Leser aus dem Zusammenhang. Die beiden Israelis geraten in eine partnerschaftliche Krise und machen eine schwere Trennung durch. Und während der Protagonist seinen Partner sucht, der ihm aus seinen Augen verschwunden ist, gerät er sozusagen in einen Selbstfindungsprozess. Und er steht im Grunde genommen vor offenen Fragen, die sowohl ihn persönlich emotionell betreffen als auch allgemeine Fragestellungen nach Identitäten sind. So sieht er sich plötzlich mit  homosexueller Partnerschaft konfrontiert, stellt sich die Frage, ob das möglich ist oder nicht, mit Einsamkeit, und mit der Frage, wie das Leben eines jüdisch-zionistischen Israeli in einem Deutschland ist, das uns in der schwersten Stunde unserer Existenz keine besondere Sympathie, sondern ein Lippenbekenntnis entgegenbringt. […]

Hast Du mit der Übersetzung deines ersten Buches, "Der Garten der Toten Bäume", ins Deutsche eine gewisse Botschaft an deine deutsche Leserschaft richten wollen?

Nein, mein erstes Buch wurde bereits 1996 vom Suhrkamp Verlag ins Deutsche übersetzt und wurde sowohl vom Männerschwarm, als auch vom Suhrkamp Verlag herausgebracht. Damals war Israels politische Wahrnehmung in Deutschland noch nicht so relevant wie heute.

Mein letztes Buch, "Tante Farhouma war keine Hure…", ist ziemlich "deutsch", in der Hinsicht, dass es sich verhältnismäßig intensiv mit folgenden Zusammenhängen auseinandersetzt: Deutsche und Israelis, Wahrheit oder Lüge? Ist die Solidarität echt oder nur gespielt? Und kann ein Israeli sich wirklich in Deutschland zu Hause fühlen? Diese Kontroversen kommen zum Ausdruck in Dialogen zwischen dem namenlosen Protagonist und seinem deutschen Freund, der sich Jürgen nennt und der in Gewisserweise den deutschen Archetypen repräsentiert. Dieser Jürgen stellt sich in den Diskussionen oftmals als größerer Befürworter der israelischen Seite heraus. Auf diese Weise wollte ich die verwickelte Beziehung von Deutschen zu Israelis aufzeigen.

Auch wenn sich dieses Buch teilweise aus autobiografischen Elementen zusammensetzt, so ist es zum größten Teil ein Buch voller Sehnsüchte. Sehnsüchte nach der Kindheit voller Koriander und grenzenloser familiärer Geborgenheit, Sehnsüchte nach unerschöpflich scheinender partnerschaftlicher Intimität, Sehnsucht nach der Rückkehr nach Israel. Ich lebte in Deutschland in der Zeit, in der fast täglich Terroranschläge in Israel vorkamen; und ich fühlte in dieser Zeit ein dringendes Verlangen, zurückzukehren. In Deutschland war alles so perfekt und wundervoll, und besonders in dieser Zeit fühlte ich, wie wenig ich in diese Vollkommenheit hineinpasse; mich trieb das Verlangen der Rückkehr ins brennende zu Hause, nicht an irgendeinen anderen Ort auf der Welt. Letztlich kehrte ich ziemlich gespalten aus Deutschland zurück.

Findest du, dass dein Buch von der deutschen Leserschaft richtig verstanden, interpretiert worden ist?

Ja, "Der Garten der Toten Bäume" bekam exzellente Rezensionen in der deutschen Presse: Die Siegessäule, Die Welt, der Tagesspiegel, Stuttgarter Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Tageszeitung berichteten. Die generellen Reaktionen waren in der Hinsicht enthusiastisch, weil die meisten Rezensenten der Ansicht waren, das Buch präsentiere ein bisher von den Medien nicht gekanntes Israel jenseits der politischen und religiösen Konflikte.

Ich denke, was sie überraschte war der säkulare Charakter der Texte, Texte, die sich nicht mit den "klassischen jüdischen" Themen, wie Holocaust, Vertreibung und zionistischem Neubeginn auseinandersetzen; Texte, die sich nicht um die großen fatalen Probleme der Juden drehen – wie wohl die meisten deutsche Texte, die sich um das Thema Judentum drehen. Es überraschte, dass das Buch von "gewöhnlichen" jungen Menschen handelt, junge Menschen, die sich gegenseitig lieben – in diesem Falle homosexuelle junge Menschen in Israel – Menschen aus Fleisch und Blut und nicht plakative Charaktere, die sich in Statistiken wieder finden lassen. Das Buch kam nicht nur bei der schwul-lesbischen Leserschaft an.

Mein zweites Buch mit dem Titel "Vier Söhne" schrieb ich während meines Aufenthaltes in Deutschland. Es besteht aus vier Novellen und wird momentan nur ins Englische übersetzt. Mein neuestes Buch, "Tante Farhouma war keine Hure…", kam hier in Israel vor einem halben Jahr heraus. Die Handlung spielt sich zum größten Teil in Berlin ab, aber auch in Israel und in einigen Episoden auf dem Balkan. Ich hoffe, dass es noch ins Deutsche übersetzt werden wird, denn ich denke, es ist ein aufschlussreiches Buch, das eine ungewöhnliche zeitgemäße Sichtweise auf Deutschland skizziert.

[…] Ich bin der Ansicht, die meisten Deutschen verstehen gleichwohl, dass Israel ein demokratisches Land ist, ein Hightech-Land, aber viele können es nicht nachvollziehen, was es bedeutet, eine "Villa im Dschungel" zu sein, wie es Ehud Barak und Jizchak Rabin ausdrückten.

Treten politische Kontroversen auch in deinen Geschichten auf?

Ich bin zwar ein Mensch mit hohem politischen Bewusstsein, so bin ich erzogen worden, doch wenn ich über Politik schreibe, dann nur über Probleme, die sich direkt auf meine Persönlichkeit auswirken. Ich schreibe keine politischen Manifeste. Ich beschäftige mich nicht per se mit politischen Problematiken, sondern nur mit dem politischen Aspekt in meiner persönlichen Sammlung von Geschichten. Wenn ich über ein Schild in Berlin erzähle, auf dem "Krematorium" geschrieben steht, und darüber schreibe, welche Assoziationen in dem Moment in meinem Kopf aufkommen, dann ist das nicht Politik.

Wie würdest du deinen schriftstellerischen Werdegang beschreiben?

Ich habe als Student angefangen zu schreiben. Damals habe ich meinen Lebensunterhalt als Nachtwächter in einem Bürogebäude in Ostjerusalem verdient. Ich saß Nächte über Nächte in diesem Gebäude, und hin und wieder schrieb ich Kurzgeschichten. Später sammelte ich alle Geschichten und schickte sie einem Verlag, woraufhin "Der Garten der Toten Bäume" herauskam. Ich schickte auch einige Geschichten an Zeitungen und gewann in mehreren Preisausschreibungen für Kurzgeschichten: 1. Preis an der Hebräischen Universität, 1. Preis an einem Preisausschreiben der Tageszeitung, MAARIV, 2.Preis an einem Wettbewerb der Tageszeitung, HAARETZ.

Nach der Veröffentlichung meines ersten Buches erhielt ich 200 oder 300 Briefe von jungen Männern, die mir schrieben, ich habe ihre Geschichte erzählt; im Buch, das sei genau das, was ihnen passiert sei. Sie konnten sich im Buch wiederfinden, denn das alles passierte damals vielen jungen Israelis: Mutter – Armee – Einsamkeit – Suche – Enttäuschungen. All das sind Komponenten unseres Kocktails.

Eine israelische Geschichte eines israelischen jungen Mannes – schwul – der glücklich sein will, eine sehr universale Geschichte, deshalb kam sie auch so gut an.

Das zweite Buch wurde fast ausschließlich in Deutschland geschrieben, wahrscheinlich eines der einzigen hebräischen Bücher, die in Deutschland geschrieben worden sind. Wie gesagt wird es momentan ins Englische übersetzt.

Das neue Buch wurde zum Teil in Deutschland, zum Teil in Ex-Jugoslawien und zum Teil in Israel geschrieben. Es besteht aus drei verschiedenen Erzählebenen, darunter die bunten und fröhlichen Kindheitserinnerungen im Israel der 60er Jahre.

Wie lässt sich der Buchtitel, "Tante Farhouma war keine Hure…", erklären?

Farhouma war unsere Nachbarin, wir nannten sie zwar Tante Farhouma, aber sie war nur die Nachbarin. Wir waren uns absolut sicher, dass sie Prostitution betreibt, denn wir hörten immer Geräusche durch die Nachbarswand, also dachten wir, dass Klienten bei ihr sind. Wir wollten immer herausfinden, wer diese Klienten sind, wer sich bei ihr aufhält. Wir konnten nie jemand entdecken. Und erst am Ende, nach seinem Tode, gibt sie bekannt, wer sich immer bei ihr aufgehalten hat. Es stellt sich heraus, dass sie tatsächlich keine Hure war. Sie hatte eine versteckte Liebe, ein sehr schönes Verhältnis zu einem Mann. Es ist ein trauriges und gleichzeitig fröhliches Buch voller Zuversicht. Es ist im Grunde genommen mein erstes Buch, das kein trauriges, aussichtsloses Ende hat, sondern eine Möglichkeit zeichnet, dass man letztlich doch einen Mittelweg finden kann. Ein kleines, einfaches, glückliches Leben ohne die großen, ehrgeizigen Träume von früher. Es zeichnet ein einfaches Leben, das Glück, mit einem Menschen schlafen zu können, den man liebt, das ist das Geheimnis des Lebens, das Streben nach Glück.

Was sind deine zukünftigen Projekte?

Vor zwei Monaten habe ich begonnen, an einem neuen, neuartigen Roman zu arbeiten. Es wird ein sehr israelischer Roman werden, ich denke, es ist das erste Buch, dessen Handlung sowohl in Tel Aviv beginnt, als auch dort endet, ohne Ausland in der Mitte. Der Anfang wird in der Sonderausgabe der Tageszeitung, "Yedioth Achronot", anlässlich der hohen Feiertage veröffentlicht werden.

Vielen Dank für das Interview

Der Garten der toten Bäume - Bestellen?

ig / haGalil onLine 10-10-2003

 


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In 2003:

 


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