Die tunesische Zeitung Réalités:
Homosexualität in Tunesien

Die in Tunesien erscheinende, unabhängige französischsprachige Wochenzeitung Réalités [1] widmete der Homosexualität in Tunesien ein ganzes Dossier – eine für die arabische Presse ungewöhnliche Initiative. Darin wird ein langer Artikel von Nadia Ayadi, in dem es vor allem um persönliche Geschichten von Schwulen und Lesben geht, ergänzt durch Auszüge aus Schriften zum rechtlichen Status von Homosexuellen in Tunesien sowie zu medizinischen und psychologischen Fragen. Außerdem wird der zuletzt durch das „Manifest für einen aufgeklärten Islam“ hervorgetretene Anthropologe Malek Chebel [2] mit der These zitiert, dass Homosexualität in der arabischen Welt früher einmal toleriert wurde.

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus den einzelnen Beiträgen des Dossiers:

Über den rechtlichen Status von Homosexuellen in Tunesien

In einem Beitrag zum rechtlichen rechtlichen Status von Schwulen und Lesben in Tunesien zitiert der Anwalt Bochra Bel Haj Hmida Artikel 230 des Strafrechts, in dem eindeutig festgelegt werde, „dass Homosexuelle und Lesben zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werden. [...] Und selbst wenn das Gesetz nicht automatisch angewandt wird, bleibt es doch eine Bedrohung und sollte außer Kraft gesetzt werden. [...] Wir sollten aufhören, Homosexualität – eine freie Entscheidung von zwei Erwachsenen – mit sexuellem Missbrauch oder Pädophilie zu vermengen.“ [3]

In einem weiteren Beitrag schreibt Dr. Kamel Abdelhak: „Den meisten sozialpsychologischen Studien zufolge hat Homosexualität nichts mit einer bestimmten Kultur oder bestimmten sozialen Verhältnissen zu tun. Vielmehr kommt sie in allen sozialen Schichten und Kulturen vor und wurde sowohl in der griechischen, als auch in der arabischen Zivilisation toleriert.“ [ebd.]

Homosexualität in der klassischen arabischen Kultur

Dr. Malek Chebel verfasste mehrere Bücher über Liebe und Sex im Islam. Im Réalités-Dossier zu Homosexualität wird aus seinem auf französisch erschienen Buch ‚L’Esprit de serial: mythes et pratiques sexuels aux Maghreb’ zitiert: „In muslimischen Gesellschaften, in denen die Geschlechter getrennt leben, entwickeln junge Leute Gefühle für ihre jeweiligen Freundinnen oder Freunde. [...] In den maghrebinischen Ländern unterscheidet man nicht so klar wie im Westen zwischen Homo- und Heterosexualität. Dies erklärt sich unter anderem dadurch, dass in der klassischen arabischen Kultur unter den Eliten Bisexualität einen sehr hohen Stellenwert hatte und literarisch viel beschreiben wurde: Große Poeten, wie Abu Nawas, Omar Khayam und einige abbasidische Prinzen schwärmten über sie. [...]“

Darüber hinaus bemerkt Chebel, dass „sich die islamische Tradition an sich nur sehr vage zur Frage der Homosexualität äußert. [...] Im Koranvers 56:17, erscheint der ghilman (d.h. Jugendlicher) [4], in muslimischen Ländern ein Symbol für Bisexualität, zusammen mit reinen Jungfrauen, genannt huris. Daraus können wir schließen, dass Bisexualität nicht immer als falsch angesehen wurde.“ [5]

In einem anderen Beitrag zitiert Réalités den bekannten arabischen Dichter des 10. Jahrhunderts, Abu Nawas. Dieser schrieb: „Der Mann ist ein Kontinent, die Frau das Meer. Ich ziehe das Land [dem Meer] vor.“ Im weiteren wird erklärt, dass Abu Nawas für seine homosexuellen Neigungen oft kritisiert, aber von den Herrschern auf Grund seiner Begabung als Dichter beschützt wurde: „Wie im antiken Griechenland gab es auch in Persien eine homosexuelle Kultur. Das zeigen etwa Gedichte, die die Schönheit der Epheben (christliche Sklaven persischer Herkunft) preisen.“ [ebd.]

Berichte aus dem Alltag von Homosexuellen in Tunesien

In einem Artikel über das Leben und die Gefühle von Schwulen in Tunesien berichtet die Réalités-Journalistin Nadia Ayadi: „Das Bildungswesen, die Traditionen sowie die religiösen und kulturellen Mythen stellen Homosexualität als perverses und abnormales Verhalten dar“. Dies sei „ein schmerzhaftes Problem“, so könne sich ja bestimmt jeder „an die Sammelprozesse gegen Homosexuelle in Ägypten [6] oder an die Steinigung Homosexueller im Iran erinnern“.

In Bezug auf die Politik arabischer und muslimischer Staaten gegenüber Homosexuellen erklärt Ayadi, dass in Tunesien relativ nachsichtig mit Homosexualität umgegangen werde, die - solange nicht offen zur Schau gestellt - sogar toleriert werde: „Im Islam und in anderen Religionen wird Homosexualität als Sünde gegen die göttliche Ordnung betrachtet. Die Shari’a verurteilt Homosexualität unerbittlich und kann im wiederholten Fall zur Todesstrafe führen. In manchen Golfstaaten können Homosexuelle zum Tode verurteilt werden oder ihre Bürgerrechte verlieren. [...] Im Iran wurden zwei Teenager, 16 und 18 Jahre alt, am 19. Juli 2005 in Mashhad gehängt, weil sie homosexuell waren [...]. Tunesien, das auf halbem Wege zwischen einer liberalen und einer gewaltsamen Umsetzung der Gesetze zur Homosexualität steht, toleriert Homosexualität mehr oder weniger solange sie im Geheimen praktiziert wird. In ländlichen Gebieten jedoch kann Homosexualität zu Demütigung und Ablehnung führen – oder sogar in menschlichen Tragödien [Tötungen] enden, wenn sich die Familie entehrt fühlt.“

„In muslimischen Ländern können Homosexuelle einfach nicht sie selbst sein, da sie sich keinesfalls öffentlich outen oder gar Bürgerrechte einfordern können.“ Samir (26) erzählt: „Man muss sehr stark sein, um als Homosexueller in unserem Land [Tunesien] zu leben. Wenn du heutzutage mit 15 Jahren feststellst, dass du dich eher zu Männern hingezogen fühlst, bist du verloren. Es gibt überhaupt keine Referenzpunkte und keine Vorbilder.“ Aus diesem Grunde leben in Tunesien die meisten Homosexuellen ihre Homosexualität lieber nicht offen.

Slimane (22) erzählt hingegen, dass er kein Problem damit hat, als Schwuler in Tunesien zu leben. Er hat auch niemals daran gedacht, sein Land zu verlassen, obwohl viele andere dies getan haben. In Hammamet und anderen großen Städten gebe es Treffpunkte für Homosexuelle: Cafes, Diskotheken und öffentliche Bäder. In Tunis gebe es ein Cafe, in dem sich nachts Homosexuelle treffen und das inzwischen zu einer Art ‚Hauptquartier’ geworden sei, obwohl dort nicht nur Schwule verkehren. Nur ein einziger Schwuler erklärte sich einverstanden, an diesem Ort einen Réalités-Journalisten zu treffen und es ist bemerkenswert, dass der Journalist umsichtig genug war, den Namen des Cafes im Artikel nicht zu erwähnen.

Ein anderer erzählt, dass sich in Tunesien Homosexuelle sogar manchmal freier fühlen können als heterosexuelle Paare: „Es ist einfacher für ein homosexuelles Paar als für ein heterosexuelles Paar ein vollständiges Sexualleben zu genießen, da Männer zusammen leben und reisen können und sich sogar ein gemeinsames Hotelzimmer teilen dürfen. Kein Gesetz verbietet dies, während ein nicht-verheiratetes heterosexuelles Paar auf Schwierigkeiten stoßen wird [...].“

Réalités bietet außerdem Informationen zur sozioökonomischen Funktion der Homosexualität in Tunesien an. Laut der Journalistin Ayadi vermischen sich in homosexuellen Kreisen die sozialen Klassen. Oftmals hat ein älterer Mann aus einem reichen Viertel einen jüngeren Geliebten aus einer ärmeren Wohngegend. Geld spiele in vielen homosexuellen Beziehungen eine wichtige Rolle: „In Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Männern verringert Geld die Schuldgefühle. Es gibt viele solcher Beziehungen, die auf Geld basieren - nicht nur mit Ausländern, sondern auch mit Tunesiern.“ [7]

[1] www.realites.com.tn
[2] Mehr über Malek Chebel siehe „Malek Chebels ‘Manifest für einen Aufgeklärten Islam’“: http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/2006_02_AMJ/malek_16_05_06.html
[3] http://www.realites.com.tn/index1.php?mag=1&cat=/3555PROFIL/1La%20Gr%E2ce%20%E9nigmatique&art=14346&a=detail1, 1. Dezember 2005.
[4] Koranübersetzung Rudi Paret, Stuttgart 2001, Sure 56.17: [Nach der ‚hereinbrechenden Katastrophe’ kommen die, die Gott nahe stehen in den Gärten der Wonnen an, wo sie einander (behaglich) gegenüberliegen:] ‚während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen’... 56.22 ‚Und großäugige Huris (haben sie zu ihrer Verfügung)’
[5] http://www.realites.com.tn/index1.php?mag=1&cat=/3555PROFIL/1La%20Gr%E2ce%20%E9nigmatique&art=14344&a=detail1, 1. Dezember 2005.
[6] Mehr zu diesem Thema bei MEMRI Inquiry and Analysis No. 88, 6. März 2002, „Egyptian Press: ‘Since Egyptian Gays Have No Rights, Their Rights Need No Defense’” http://memri.org/bin/articles.cgi?Page=archives&Area=ia&ID=IA8802
[7] http://www.realites.com.tn/index1.php?mag=1&cat=/3555PROFIL/1La%20Gr%E2ce%20%E9nigmatique&art=14342&a=detail1, 1. Dezember 2005.

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[DISKUSSION]

ta / haGalil onLine 31-05-2006

 


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