Totgeschlagen, totgeschwiegen:
Auch in Österreich ohne Entschädigung

Nico Wahl

Die Situation homosexueller Personen unterscheidet sich von den meisten anderen Opfergruppen insofern, weil Homosexuelle sowohl vor wie nach dem National-sozialismus strafrechtlich verfolgt wurden.

Das österreichische Strafgesetzbuch von 1852 normierte in § 129 lit b bis 1972 die Verfolgung homosexueller Männer und – zum Unterschied zur reichsdeutschen Gesetzgebung – auch Frauen. Der NS-Staat verschärfte die Verfolgung der auch vor 1933 in der Weimarer Republik strafbar gewesenen Homosexualität (§ 175 des Strafgesetzes) 1935 noch beträchtlich.

Im Fall der Niederschlagung des so genannten Röhm Putsches im Juni 1934 wurde das Stigma der Homosexualität ganz bewusst zur moralischen Rechtfertigung einer politischen Säuberungsaktion innerhalb der eigenen Reihen herangezogen. 1936 wurde in Berlin die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung gegründet.

In den Jahren 1937 und 1938 folgte schließlich eine Welle politisch motivierter Prozesse, in denen Homosexualität als praktischer Verfolgungsgrund vorgeschoben wurde. Es setzte eine massive Verfolgung jener Jugendorganisationen ein, die sich außerhalb der Hitler-Jugend befanden, respektive jener Gruppen, die trotz ihrer Eingliederung in die Hitler-Jugend ihre eigene Struktur und ihren Zusammenhalt bewahrt hatten.

Zur Zeit des "Anschlusses" war die Verfolgung Homosexueller im Deutschen Reich so weit ausgereift, dass auch auf österreichischem Gebiet sofort damit begonnen werden konnte. Parallel zum Anstieg der Verurteilungen an sich stieg nun auch das Ausmaß der verhängten Strafen, wobei hier noch das österreichische Recht zur Anwendung kam.
Albert Müller, Christian Fleck: Unzucht wider die Natur. Gerichtliche Verfolgung der Unzucht mit Personen gleichen Geschlechts in Österreich von den 1930er Jahren bis zu den 1950er Jahren. In: ÖZG.

 Die 1941 durchgeführte Änderung des Reichsstrafgesetzbuches (§1) sah nun auch für das Gebiet des ehemaligen Österreich vor, dass "gefährliche Gewohnheitsverbrecher" sowie "Sittlichkeitsverbrecher" mit dem Tod bestraft werden sollten. Allein im Jahr 1943 fällte das Wiener Sondergericht vier Todesstrafen auf Grund dieser Regelung. Insgesamt wurden von den Wiener Gerichten fast 700, von den Gerichten österreichweit über 3.000 Personen wegen Homosexualität verfolgt.
LG Akten österreichweit – Materialien des Projektes Müller/Fleck, Datenmaske mit Einzelfallerhebungen – Bestand von über 3000 registrierten Verfolgten aus der Zeit 1938-1945. Siehe dazu Müller, Fleck, Unzucht wider die Natur.

Die Verfolgung nach österreichischem Strafrecht, das weiterhin angewandt wurde, betraf theoretisch homosexuelle Männer und Frauen in gleicher Weise, in der praktischen Durchführung zeigt sich jedoch, dass Frauen, obwohl auch sie aktiv von der Gestapo und Kriminalpolizei verfolgt wurden, in zahlenmäßig wesentlich geringerem Ausmaß betroffen waren. Dies liegt zum einen möglicherweise daran, dass bei Frauen andere Delikte angenommen wurden (genannt wird immer wieder die Verfolgung als sogenannte Asoziale), zum anderen auch an der Rolle, welche die Nationalsozialisten für Frauen im Allgemeinen vorsahen.

Hans Marsálek hat in seiner Zusammenstellung der Häftlingszahlen für das KZ Mauthausen versucht, die Zahl der Häftlinge festzustellen, die auf Grund von Homosexualität eingewiesen wurden und ist auf ca. 130 DR-Häftlinge gekommen.
Hans Marsálek: Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. 3. Aufl. Wien 1995. S. 138.

Über polnische und tschechische als Homosexuelle Inhaftierte – die in den diversen SS-Häftlingslisten ebenfalls zu finden sind – macht Marsálek keine Angaben. Homosexuelle Polizei- und SS-Angehörige mussten mit der Hinrichtung rechnen, Wehrmachtsangehörige wurden meist in Lager interniert, wo sie hingerichtet wurden.
Hoffschildt gibt fast 7.000 Personen an, die von der Wehrmachtsgerichtsbarkeit verfolgt wurden.

Im Zuge der Homosexuellenverfolgung kann kein systematischer Vermögensentzug festgestellt werden. Gezielten Vermögensentzug von Gütern unter Verwendung des § 129 Abs.1 lit. b als Vorwand gab es allerdings bei Angehörigen des Klerus. Vor allem Klöster wurden mit dem Vorwurf der Homosexualität konfrontiert, die Ordenshäuser aufgelöst und von Staat und Partei übernommen. Der Vermögensentzug betraf in diesen Fällen Immobilien ebenso wie klostereigene Wirtschaftsbetriebe. Beispielhaft genannt sei hier das Servitenkloster in Innsbruck. Nach der Verhaftung zahlreicher Ordensbrüder unter dem Vorwurf der Homosexualität wurde die sofortige Schließung und Besetzung des Klosters durch die Geheime Staatspolizei auf Grund der Verordnung über Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens im Lande Österreich angeordnet. In allen anderen Fällen scheinen finanzielle Überlegungen bei der Verfolgung zweitrangig gewesen zu sein.

weiter unter  - hosilinz.at zur historikerkommision
Photo: Gedenfeier im eheml. KZ Mauthausen, Copyright HOSI Linz/G. Niederleuthner

Die NS-Verfolgung der Homosexuellen in Wien 1938-45:
Aus dem Leben

Die ursprüngliche von Hannes Sulzenbacher und Niko Wahl kuratierte Ausstellung zeigte die NS-Verfolgung anhand von offiziellen und privaten Dokumenten, die auf und in 14 rosa Säulen präsentiert wurden...

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Homosexualität in der NS-Zeit
Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung
von Günter Grau

Kurzbeschreibung (Rosa Winkel): Eine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit. Homosexuelle Frauen und Männer gehören bis heute zu den oft vergessenen Opfern des Nationalsozialismus. Über ihr Schicksal, ihre Verfolgung und ihren Alltag ist wenig bekannt. Günter Grau legt hier seine umfassende und akribisch edierte Sammlung von Dokumenten zur Homosexuellenverfolgung vor und einen Bericht von Claudia Schoppmann über die damalige Situation lesbischer Frauen.

glbt-ta / haGalil onLine 22-12-2003

 


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In 2003:

 


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