Albaniens Homosexuelle:
Einsam selbst im Tod

Von Max Brym

In Albanien ist Homosexualität kein Straftatbestand. Die verschiedenen Gay-Info Seiten im Internet weisen darauf hin, dass in Albanien gleichgeschlechtliche Liebe ab dem 14. Lebensjahr völlig legal ist. Dennoch vermögen Gay Seiten keine Szenetreffen und Kontaktbörsen anzubieten, einzig der "Homosexuellenverband" in Tirana wird als legale Organisation erwähnt. Der Vorsitzende des Verbandes ist der 32-jährige Zahnarzt Naser Almalek.

Tirana, 17. August 2002. Bashkim Arapi hatte Gift getrunken und ist nach wenigen Stunden im Krankenhaus in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, gestorben. An seinem Bett war nur sein Lebensgefährte, mit dem Arapi zwölf Jahre lang zusammen war. An der Beerdigung nahmen nur wenige Personen teil, kein einziges Mitglied der Familie erschien. In der albanischen Presse fand sich im August 2002 dazu folgender Satz: "Die Familie schämte sich, weil Arapi der Vorsitzende des Homosexuellenverbandes war". Beerdigungen sind in Albanien normalerweise Großveranstaltungen, zu der nicht nur die gesamte Familie erscheint, sondern oftmals ganze Dorfgemeinschaften, um den Toten zu ehren.

Anlässlich der Beerdigung von Bashkim Arapi war dies nicht der Fall. Das lässt folgende Schlussfolgerung zu: Die rechtliche Gleichstellung der Homosexuellen hat nichts mit dem vorherrschenden Massenbewusstsein in puncto Homosexualität zu tun. Die Ignoranz gegenüber einem Verstorbenen durch die Familie belegt: Weite Teile der albanischen Bevölkerung haben eine entschieden antihomosexuelle Einstellung.

Diese Mentalität speist sich im wesentlichen nicht aus religiösen Quellen. Die Gesellschaft ist mehr geprägt von archaischer Tradition, den Gesetzen des uralten Kanun. Der Ehrenkodex, wie er im "Kanun" festgelegt ist, stellt die Familie in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Die Reaktivierung der Familie und der Ehre ist auch eine Folge der ökonomischen Katastrophe, die Albanien seit 1992 erlebt. Damals wurde die schwache albanische Ökonomie der freien Konkurrenz durch den kapitalistischen Weltmarkt ausgesetzt. Dies hatte die Zerschlagung der albanischen Industrie zur Folge und die beinahe vollständige Liquidierung der albanischen Arbeiterschaft. Die Katastrophe hält bis heute an und die Familie mit ihrer Solidarität ist existentiell wichtig für die Menschen. Ein Bekanntwerden der Homosexualität bedeutet die Gefahr, den familiären ökonomischen Halt zu verlieren.

Über schwule Treffpunkte in Tirana wird nicht gesprochen

Der jetzige Vorsitzende des "Homosexuellenverbandes" möchte gegenüber einem deutschen Journalisten nicht über die Treffpunkte der Schwulen in Tirana sprechen. Herr Almanek, der öffentlich in den albanischen Medien auftritt, erklärt am Telefon: "Ich spreche nicht über die Treffpunkte Schwuler in Tirana, denn es gab bereits Angriffe, wenn bekannt wurde, wo homosexuelle Pärchen nachts anzutreffen sind." Gewöhnlich erkennen sich die Schwulen Tiranas mittels bestimmter Codes um Treffen zu vereinbaren. Aus Sicherheitsgründen werden sie aber nicht näher erläutert.

Almalek erklärte: "Die Familien wollen normalerweise lieber gar nicht wissen, was ihre Söhne treiben". Wenn der Homosexuelle seine Neigung geheim hält, ist alles in Ordnung. Aber kaum bekennt sich jemand in der Öffentlichkeit als schwul, wirft ihn die Familie raus. Diesen gewaltigen Druck hat Arapi nicht ausgehalten. Deswegen hat er sich im August 2002 umgebracht."

Der "Homosexuellenverband"

Bis 1995 wurde Homosexualität in Albanien als Straftatbestand gewertet, ein Homosexueller konnte eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren erhalten. Der Artikel 137 wurde nach der albanischen "Wende" 1992 im Strafgesetzbuch zunächst negativ verschärft. Die "kommunistische" Regierung unter Enver Hoxha beendete im Jahr 1977 die Verfolgung von Homosexualität. Im Juni 1995 wurde der Paragraph 137 abgeschafft.

Unmittelbar nach diesem Datum ließ sich der Homosexuellenverband in das Vereinsregister eintragen. Einige Mitglieder des Verbandes haben internationale Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten. Im Jahr 1995 erhielt ein Mitglied in Washington den Menschenrechtspreis "Filipo di Suco". Dieses Ereignis wurde auch in den albanischen Medien erwähnt. Allerdings setzte sich der Preisträger nach der Preisverleihung in die USA ab. Das benützten rechtskonservative Kräfte um Sali Berisha zu einer Kampagne gegen homosexuelle "Antipatrioten".

Der Homosexuellenverband hat einige hundert Mitglieder, deren Namen größtenteils geheim gehalten werden. Bis dato ist an eine schwule Veranstaltung in der Öffentlichkeit nicht zu denken, weniger wegen islamischer Fundamentalisten (deren Einfluß in Albanien ist marginal), sondern wegen der Kombination aus kapitalistischer Restauration und damit einhergehender Wiederbelebung reaktionär patriachaler Familienstrukturen.

ta / haGalil onLine 13-08-2004

 


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