"Mir sainen do!"
Zwischen Regenbogen und Judenstern

Ein Gespräch mit Fred Fischer (Vorstand) über die schwul-lesbische Vereinigung "Yachad" und jüdisches Leben in Deutschland.

Von Bernd Müller

sergej: Das Judentum steht Homosexuellen nicht gerade offen gegenüber - wie lebt es sich als schwuler Jude?

Fred Fischer: Ich meine gut - für viele andere aber auch problematisch: Laut Tora ist Homosexualität tatsächlich verboten und konservative Kreise lehnen das auch nach wie vor ab. Es gibt allerdings auch liberale jüdische Gemeinden, bei denen wir willkommen sind. Bei "Yachad" verstehen wir uns auch nicht in erster Linie als religiöse, sondern primär als schwul-lesbische Gruppe: schwul und jüdisch sind wir von Geburt an und das soll gleichermaßen akzeptiert werden.

sergejj: Heißt das, bei euch spielen jüdische Traditionen keine Rolle?

Fred: Doch - auch wir feiern die hohen jüdischen Festtage und bieten Gelegenheit zu Gottesdiensten. Doch ist traditionelles jüdisches Leben nicht nur religiös, sondern auch z.B. stark durch den Familienbegriff geprägt. Viele Kinder zu haben, ist ein erstrebenswertes Ziel. Da Schwule und Lesben dieses Ideal meist nicht einhalten können, verstehen wir uns als eine Art zweite Familie. Dennoch gibt es immer noch viele schwule und lesbische Juden und Jüdinnen, die sich gar nicht erst zu "Yachad" trauen, weil sie so sehr von Traditionen geprägt sind.

"Mir sainen do!"

sergej: Eine aktive Teilnahme am schwul-lesbischen Szeneleben ist für euch aber wichtig?

Fred: Ja - ganz nach dem Motto unserer Verbandszeitschrift "Mir sainen do!" (Wir sind da!) zeigen wir uns unter anderem bei vielen CSDs, um Klischees und Berührungsängste auch seitens der gay Community abzubauen.


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(Foto: Horst Middelhoff)


sergej: Setzt Ihr euch mit der deutschen Vergangenheit auseinander?

Fred: Sicher. Der Münchner Kongress ist der erste, der in Deutschland stattfindet. Das stieß bei vielen unserer Mitglieder auf Kritik - einige wollten nie ein Fuß in dieses Land setzen. Wir nehmen die Geschichte wahr und was geschehen ist, darf auch nie vergessen werden. Dennoch wollen wir v.a. den Jüngeren gegenüber keine pauschalen Vorurteile aufrecht erhalten.

sergej: Bietet man gerade als schwuler Jude nicht eine doppelte Angriffsfläche für Rechtsextremisten?

Fred: Einzelpersonen haben Gewalt erfahren, aber glücklicherweise kommt das nicht häufig vor. Dennoch finde ich es unerträglich, dass die Politik rechtsradikale Vereinigungen überhaupt zulässt. Wenn die Entwicklung in Deutschland so weiter geht, muss man sich schon fragen, ob man weiter in diesem Land leben möchte.


sergej: Vom 14.-16. Juni findet in München "6th European-Israeli Regional Conference of Gay, Lesbian, Bisexual and Transgender Jews" statt. Was sind die wichtigsten Themen des Kongresses?

Fred: Nach dem offiziellen Empfang beim Oberbürgermeister werden sich die ca. 150 Teilnehmerinnen, die übrigens aus vielen Ländern anreisen, im Vollmarhaus mit dem Thema Deutschland und natürlich spezifisch schwul-lesbischen Aspekten auseinandersetzen. Übrigens sind auch nicht-jüdische Interessierte bei uns herzlich willkommen.

Abschlussparty zur "6th Europaan-Israeli Regional Conference"
Samstag 16. Juni ab 22h Vollmar-Haus, Oberanger 38
Die gesamte Münchner Szene ist herzlich eingeladen mitzufeiern!

quelle: sergej - politik - aktuell (münchen 06-2001)
sergej-magazin.de

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