Sind die meschugge?
SUPERJUDEN:
Das Heeb-Magazin zelebriert "Jiddischkeit" als Popkultur
Steffen Stadthaus
http://www.freitag.de
T-Shirts sind Bekenntnistafeln. Mit ihren
modischen Slogans fassen sie das Anliegen des Trägers in einem Satz
prägnant zusammen und künden der Welt davon. "Jews kick Ass" (im
übertragenen Sinne etwa: "Juden zeigen´s Euch") ist so ein Slogan,
eine Weisheit, die wahrscheinlich schon viele jüdische Generationen
dachten, aber sich nicht aufs Hemd zu drucken trauten.
Das Heeb-Magazin macht Schluss mit solcher
Bescheidenheit und versammelt unter dem genannten Slogan comicartige
Porträts von Jesus, Bob Dylan, Albert Einstein und Mr. "Startreck"
Spock himself, um jeden Einspruch im Keim zu ersticken. Dass sich
hier ein neues jüdisches Selbstverständnis artikuliert, ist
offensichtlich, und das quietschbunte Heeb ist nicht der einzige
kulturelle Output der davon zeugt.
Eine Woche lang verbrachten die Redakteure Jenifer Bleyer und
Michael Schiller in Berlin, um die vierte Ausgabe ihrer in New York
erscheinenden New Jew Review zu feiern. Eingeladen hatte sie der
künstlerische Leiter der Berliner Jüdischen Kulturtage Wijtold
Klemm, um zu zeigen, dass jüdische Kultur auch jenseits von
Holocaustliteratur und Klezmerklängen stattfindet. Gerade in
Deutschland hat sich die Wahrnehmung auf diese Sparten verengt,
findet Klemm, und die Jüdischen Kulturtage versuchen seit einigen
Jahren, dem programmatisch etwas entgegenzusetzen.
Von den Heeb-Machern könnten die jungen Juden in Deutschland sich
abgucken, dass es neben Folklore, Holocaustgedenkkultur und Religion
auch eine jüdische Popkultur gibt, die offensiv und provokativ all
das durch die Mangel dreht, was irgendwie mit Judentum zu tun hat.
Dass Jüdischsein auch positiv und mit Spaß zelebriert werden kann,
wird im Land der Täter vor allem von deutscher Seite tabuisiert, und
es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis junge Juden in
Deutschland sich die Freiheit nehmen können, einen solch
selbstironischen und reflektierten Ethnizismus zu pflegen, wie es
die Heeb-Macher tun. Zu verschieden sind die jüdischen Welten: In
den USA sind Juden längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen,
während in Deutschland jede jüdische Einrichtung von
schwerbewaffneten Polizisten geschützt werden muss.
Für Aufsehen sorgte der Magazintitel aber auch in der jüdischen
Comunity der USA. "Heeb" war in der ersten Hälfte des letzten
Jahrhunderts ein antijüdisches Schimpfwort, vergleichbar mit dem
Ausdruck "Nigger". Von jüdischem Selbsthass, der ihnen von manchen
Kritikern vorgehalten wurde, will Jenifer Bleyer aber nichts wissen.
Provokative Umdeutungen von stigmatisierenden Begriffen seien ja
wohl nichts Neues. Dem Heeb-Magazin gehe es ganz einfach um eine
Abgrenzung vom offiziellen Selbstverständnis der amerikanischen
Juden. Und das bringen die Redakteure, beide Ende 20, teilweise
recht ketzerisch zum Ausdruck: ein durchgeknallter, mit tätowierten
Hakenkreuzen übersäter Typ berichtet vom seinen "unerklärlichen"
Erlebnissen, für einen Neonazi gehalten zu werden ("dabei ist das
Hakenkreuz doch nur ein altes indisches Symbol"); und die
vorbehaltlose Unterstützung Israels wird durch Reportagen aus den
Palästinensergebieten in Frage gestellt.
Natürlich ist das alles nicht ganz neu. In ironisch-ketzerischer
jüdischer Selbstbespiegelung haben sich auch schon Woody Allen oder
Philip Roth geübt. Neu ist vielleicht eher die
Selbstverständlichkeit, in der das Heeb-Magazin mit den Klischees
und Bildern spielt. Während Roth und Allen sich - ganz Klischee -
als Großstadtneurotiker inszenierten, ziert das Cover des Heeb ein
echter Superjude, passend zur ersten jüdischen Superheldenadaption
Hebrew Hammer, die der Regisseur Jonathan Kesselmann jetzt auf die
Leinenwand brachte. Daneben gibt´s jüdische Hip Hopper, Sprayer und
Punkrocker: Alltagshelden in Szenen, in denen Juden noch immer
Exotenstatus besitzen.
"Exklusiv jüdisch ist der Heftinhalt aber nicht", sagt Schiller. Es
gehe Heeb zwar um eine Art Reflexion der zeitgenössischen jüdischen
Kultur, das schließe aber auch diejenigen Leser ein, die sich für
Jüdisches interessieren oder sich mit ihm identifizieren.
Herkunftsnachweise würden nicht gefordert, lacht er und erzählt,
dass ein Old-School-Sprayer, der im Heeb-Interview über seine Zeit
als jüdischer Graffitikünstler zwischen all den schwarzen und
Latino-Kids berichtet, sich am Ende schließlich als waschechter
Gojim herausstellte. Warum Tracy 168 sich als Jude ausgab, das weiß
Schiller bis heute nicht, und es ist ihm eigentlich auch ziemlich
egal. Dem Heeb-Magazin geht es nicht um die Rückgewinnung eines wie
auch immer gearteten Essentialismus, eher dokumentieren die
Heftseiten die vielfältigen Hybridisierungen, die jüdische Inhalte
in einer multikulturellen Gesellschaft erfahren: Beispiele hierfür
sind so genannte "Jewfros" (Juden mit imposanten Afro-Frisuren)
genauso wie ein orthodoxreligiöser Rapper, der in New York Erfolge
feiert.
Dass Heeb den Nerv der Zeit getroffen hat, zeigen die euphorischen
Reaktionen, die das Magazin landesweit ausgelöst hat. Alle großen
Medien - von New York Times bis CNN - bejubelten die
unkonventionelle Art, mit der die Heftmacher die Komplexitäten der
jüdischen Identitätsdebatten locker umschifften. Während die
jüdischen Gemeinden mit groß angelegten Kampagnen um Nachwuchs
werben und vor dem Niedergang des Judentums warnen, zeige sich
überall ein wachsendes Bedürfnis, sich mit dem eigenen Judentum
auseinander zu setzen, sagt Jenifer Bleyer. Allerdings geschehe dies
nicht innerhalb der Gemeinden, sondern auf verschiedensten
kulturellen Feldern. Von einer richtigen kulturellen Bewegung könne
man vielleicht noch nicht sprechen, aber es treffe zu, dass sich
sehr viele Musiker, Künstler und Literaten auf eine neue,
unbefangene Weise mit ihrem Jüdischsein beschäftigen: So gibt es
jüdische Punkfanzines, Fashiongags wie "Jew Lo", die manifestartig
die Sexyness jüdischer Frauen verkünden und bauchfreie T-Shirts
feilbieten, und es gibt Punkrocker wie Yidcore. Manche nennen sich
"Jews on the Egde" oder "Fringed Jews". Kulturelle Bewegungen würden
sowieso erst zehn Jahre später als solche erkannt, grinst Michael
Schiller. "Postradical-Jew-Movement" könne man das Ganze, von ihm
aus, dann nennen.
Über die Relevanz dieses "kulturellen Phänomens", ein Begriff, auf
den wir uns schließlich einigen, wird im Forward und anderen
jüdischen Publikationen gestritten. In Zusammenhang mit Reportagen
über Skater und DJs wird der Lifestylevorwurf erhoben. Vorwürfe, auf
die Heeb gelassen reagiert: erstens verstehen es sich als
popkulturelles Magazin, bei dem der Spaß im Vordergrund steht, und
zweitens ist der Anteil an alternativ-politischen und
schwullesbischen Themen so hoch, dass er den von deutschen "linken"
Magazinen wie Spex locker toppt. Von Mainstream-Publikationen wie
Neon ganz zu schweigen.
Gemeinsam ist den neuen jüdischen Kulturaktivisten eine
"Jiddischkeit". Jiddisch wird gerappt, getanzt und auf T-Shirts
gedruckt. Überall Meshuggah, Shmendrick und knishes plus jiddischen
Superjew. Auch Heeb benutzt immer wieder jiddische Wörter und
Redewendungen, die den englischen Satzfluss durcheinanderwirbeln.
Für Jenifer Bleyer ist das eine zeitgenössische Aneignungsform des
Jiddischen. "Du wirst bei uns keine Artikel über Klezmer und die
anderen typischen Sachen finden, die man in einer jiddischen Zeitung
erwartet. Nostalgie und Folklore lehnen wir kategorisch ab."
Jiddisch versteht sie als kulturelles Set, das von jüdischen
Lebensstilen und Sprachformen aus dem alten Europa erzählt. Eine
Diasporakultur, die nicht durch Universitätsseminare wiederbelebt
werden könne, sondern indem man sie "guerillamäßig" in die
Hegemonialsprache einflechte und hybride Sprachformen entwickle.
Worin aber besteht das spezifisch "Jüdische" der hybriden Kultur,
wie sie den Heeb-Machern vorschwebt? Hierüber besteht Dissens.
Gerade die Popkultur, deren Zeichensystems sich Heeb bedient, gilt
vielen als Assimilations- und Gleichmachungsmaschine schlechthin.
Doch hinter solcher Kritik verstecken sich oftmals
Interessenkonflikte. Hasdai Westbrook schreibt im jüdischen
Internet-Studentenmagazin New Voices gar von einer
"Schtetl-Mentalität" des offiziellen amerikanischen Judentums. Jede
kulturelle Öffnung nach außen, werde sofort als Angriff auf die
Grundfesten einer jüdischen Identität interpretiert und unter den
Generalverdacht einer zerstörerischen Assimilation gestellt. Auch
die Heeb-Leserbriefspalten spiegeln die Uneinigkeit darüber, ob
Popkulturalisierung zeitgemäße Aktualisierung oder Ausverkauf des
Jüdischen bedeute.
Für Westbrook sind das aber Scheingefechte, die nichts daran ändern,
dass auch jüdische Identitäten sich den Zeitläuften entsprechend
verändern. Eine "Schtetl-Mentalität" sei in den USA als der einzigen
Gesellschaft der Welt - Israel eingeschlossen -, in der Juden
keinerlei Bedrohung ausgesetzt sind, einfach anachronistisch. Er
versteht Heeb und andere als Beispiele für die positiven Seiten der
Assimilation insofern, als junge jüdische Künstler und Musiker
selbstbewusst ihren Teil zur multiethnischen amerikanischen
Populärkultur beitragen und sich dafür auch "schwarzer" oder anderer
Vorbilder bedienen.
Westbrooks Begriff der Assimilation darf nicht mit dem der
Assimilationsgeschichte der Juden in Deutschland verwechselt werden.
Sie war bestimmt durch Ausmerzung des "Jüdischen" und bedeutete
immer Anpassung an die Hegemonialkultur. Ob sich eine
multikulturelle Jiddischkeit heute in Deutschland etablieren könnte,
ist fraglich. Aber vielleicht würde sie auf fruchtbaren Boden
fallen. Wijtold Klemm von den Berliner Jüdischen Kulturtagen
jedenfalls weiß, dass gerade die jungen Leute keine Lust mehr haben,
"Klischees von alten Männern mit weißen Bärten und Schtetl -Kitsch
vorgesetzt zu bekommen".
Über einen Kamm scheren lassen sich die neuen jüdischen Stimmen
sowieso nicht. Während manche für sich einen existenziellen Zugang
zum Judentum finden, stellt Jüdischsein für andere nur eine Facette
ihrer Identität unter anderen dar, die sie in den kulturellen
Melting-Pot einspeisen. Gemeinsam ist ihnen der popkulturelle
Hintergrund. Bob Dylan, Albert Einstein, Jesus und Spock gehören
sicherlich dazu.
Jüdische Kulturtage in Berlin:
Das »Heeb-Magazin« aus New York
Auf der
Titelseite ein Mann, der aussieht wie ein Rabbi, unter dem schwarzen
Gewand aber ein Superman-Kostüm trägt, mittendrin Geschichten über
den Künstler "ManWoman" und "100 Gründe, George W. zu hassen"...
Read
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"Heeb"
>> New Jew
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heebmagazine.com
Freitag 05.12.03 / haGalil
onLine 07-12-2003 |